Mittwoch gehört meinen Gästen!


Heute stellt sich ein neuer Gast-Autor vor. Seine Spezialität sind Horrorgeschichten. Nicht unbedingt die mit heraushängenden Gedärmen, eher subtiler. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht noch an meine Geschichte: "Der Leichenflüsterer".

Morgen findet Ihr hier Tipps um der eigenen Kreativität etwas auf die Beine zu helfen. Kein Pillen oder Drogen. Sondern viel einfacher und effektiver.

Aber zurück zu unserem Gast!

Christopher Caine hat eine Kurzgeschichte aus seiner Sammlung mitgebracht. Ihr Name lautet:

Wenn es dreimal klingelt.


Christopher Cklingelt.aine: Wenn es dreimal



WENN ES DREIMAL KLINGELT
von
Christopher Caine
www.GRAUEN.net

Copyright Texte:
Christopher Caine

Cover: "Doorbell misplaced" by Neosnaps,

Edit by Christopher Caine  

Lektorat / Korrktorat:
Marion Mergen – www.korrekt-getippt.de
Christopher Caine



Schon wieder ein neuer Tag, dachte sich Maria. Ein neuer, einsamer Tag. Staub tanzte im Licht der einfallenden Sonne, die durch den kleinen Spalt zwischen den schweren Vorhängen fiel. Vor dem Fenster sang ein Vogel. Eine Amsel, ging es Maria durch den Kopf, aber sie wusste es nicht genau. Sie versuchte, ihre Augen wieder zu schließen, um weiterzuschlafen. Doch das Licht blendete sie. Auch mehrmaliges hin und her wälzen brachte nicht den gewünschten Erfolg. Der andere Körper fehlte ihr. Die Wärme.
Mühsam quälte sie sich aus dem Bett und schlüpfte in die Pantoffeln, die wie immer bereitstanden. Sie machte sich gleich daran, das Kissen aufzuschütteln, die Decke zusammenzulegen und ihre Betthälfte ordentlich zu machen. Die andere Seite war ungenutzt. Seit einem Monat. Traurig sah sie auf die unbenutzten Polster und kämpfte mit einer Träne, die aus ihr herausbrechen wollte. Ihre Hände fingen an zu zittern. So wie ihre Knie.

Durch die Nase holte sie tief Luft, behielt sie für ein paar Sekunden in sich und blies sie zwischen ihren Lippen wieder nach draußen.

Besser.

Lustlos schlurfte sie über das Parkett im Schlafzimmer, über den Teppich im Flur und über die Steinfliesen in der Küche. Dort hockte sie sich schlaff auf die lange Seite der Eckbank und starrte eine Viertelstunde lang ins Leere. Tiefe Traurigkeit lag in ihrem Blick. Und Sehnsucht. Vierundsechzig Jahre lang war sie mit Karl Stein – ihrem Karli – verheiratet gewesen. Nicht immer glückliche Jahre (in welcher Ehe ist schon immer alles andauernd perfekt), aber rückblickend konnte man sagen, sie hatten eine harmonische Beziehung gehabt. Er hatte sie nie betrogen, belogen oder gar geschlagen. Im Gegenteil. Er hatte sie immer gut behandelt. Wie eine Prinzessin. Meine Prinzessin, hatte er immer gesagt. Zum ersten Mal im Jahre 1947, als er sie schüchtern auf einen Kaffee einlud. Damals sagte er ihr, sie sehe aus wie eine Prinzessin. Seither sagte er es ihr jeden Tag. Und auch nach vielen Jahren, Jahrzehnten, als sie beide schon alt wurden, hatte er es ihr noch immer gesagt. Vor einem Monat waren es seine letzten Worte, als er im gemeinsamen Bett verstarb.

Du bist meine Prinzessin.
Ich liebe dich.
Ich warte auf dich.

Seit einem Monat hörte sie ihn nur noch in ihrem Herzen.

Seit einem Monat war sie nicht mehr ausgegangen, nicht mehr in ihrem Stamm-Café gewesen. Sie hockte nur noch zu Hause. Die meisten Menschen in ihrer Umgebung konnten sie verstehen und zeigten Mitgefühl. Jedenfalls jeder, der solch einen Verlust selbst erlebt hatte. Was sie brauchte, war Zeit. Einige ihrer Freundinnen waren jedoch der Meinung, sie hätte bereits genügend Zeit gehabt. Vor einem Monat war ihr Mann gestorben, ein paar Tage darauf fand die Beerdigung statt – das musste doch reichen?

Ding-DongDing-DongDing-Dong

Maria schreckte hoch. Die Türklingel (mit einem richtig schönen und klassischen Ding-Dong-Ton) läutete drei Mal. So hatte sich ihr Karli immer angekündigt, wenn er von der Arbeit heimkam, vom Markt oder nachdem er bei einem Freund zu Besuch gewesen war. Freudig machte ihr Herz einen Hüpfer. Nur einen. Dann wurde das schöne Gefühl durch verwirrte Angst abgelöst. Sie starrte zu der Eingangstür. Sie wartete. Wartete, ob gleich ein Schlüssel ins Schloss gesteckt würde und sich die Klinke drehte. Aber es passierte nichts. Da war nur das dreimalige Klingeln gewesen. Langsam stand sie auf und setzte sich in Bewegung. Bei der Tür stellte sie sich auf die Zehenspitzen und spähte durch den Türspion. Niemand war zu sehen. Daraufhin öffnete sie die Tür und blickte im Gang nach links und rechts. Auch hier war keine Menschenseele. Erleichtert, aber auch in gewisser Weise traurig, schloss sie die Tür und setzte sich wieder an den Tisch.

Den ganzen Tag verbrachte sie dort. An dem kleinen Tisch vor dem Fenster. Sie blickte hinaus in die Welt, die für sie keinen Sinn mehr ergab. Ihr Karli war nicht mehr da. Er war im Himmel – dessen war sie sich ganz sicher – und blickte zu ihr herab. Mit geröteten Augen und der Hoffnung in ihrem Herzen, ihn dort zu erblicken, sah sie hoch in die Wolken. Doch dort oben war nur die Sonne, die sie blendete. Mit trauriger Wut zog sie die Vorhänge zu. Sie wollte nichts mehr von der Welt da draußen sehen.

Die Abendnachrichten berichteten von einer weiteren Kindesentführung diese Woche, doch auch das berührte sie nicht. Früher hätte sie sich mit ihrem Karli darüber aufgeregt, hätte ihr das arme Kind leidgetan, die hilflosen Eltern. Doch das war ihr nun egal. Ihr Herz war vor Trauer kalt geworden.

Das Hauptabendprogramm bot die üblichen Fernsehsendungen, die sie früher gern gesehen hatte. Doch früher war nun vorbei. Sie schaltete den Fernseher ab und ging zu Bett.
Allein. Wieder eine einsame Nacht.

Am nächsten Morgen fiel es ihr noch schwerer, aus dem Bett zu kommen. Nur mit größter Mühe konnte sie sich dazu überreden, die Decke von ihrem Kopf zu ziehen, sich auf die andere Seite zu drehen und dem Wecker ins Antlitz zu sehen. 8:59 Uhr zeigten die roten Ziffern, die ganz leicht und unregelmäßig zu flackern begannen. Sie schaute zu, wie sie auf 9:00 Uhr wechselten.

Ding-DongDing-DongDing-Dong

Sofort schreckte sie in ihrem Bett hoch und konnte ihr Herz spüren, wie es in ihrer Brust hämmerte. Karli, schoss es ihr durch den Kopf. Verwundert darüber, wie schnell sie sich plötzlich bewegen konnte, stürmte sie aus dem Bett und lief barfuß zur Eingangstür. Diesmal wartete sie nicht, ob ein Schlüssel ins Schloss gesteckt werden würde, sondern riss sie gleich auf. Das Lächeln, welches sich durch das dreimalige Läuten auf ihrem Gesicht ausgebreitet hatte, schmolz wehmütig dahin. Niemand war da. Wer erlaubte sich hier einen Scherz mit ihr? Trauer und Zorn zeigten sich abwechselnd auf ihrem Gesicht, während sie in die Küche ging und sich setzte.

Am Nachmittag kam Gerhard mit dem Einkauf vorbei. Er stellte die zwei Körbe auf den Küchentisch und fragte seine Mutter, ob alles in Ordnung sei.

»Was soll schon sein«, fragte sie mürrisch. Es ging ihr ziemlich auf die Nerven, von allen gefragt zu werden, ob alles in Ordnung war. Nichts war in Ordnung. Nichts wird je wieder in Ordnung sein. Ihr Mann, ihr geliebter Ehemann und zugleich bester Freund, war tot. Was sollte also in Ordnung sein?

»Du siehst blass aus. Ist etwas passiert«, fragte Gerhard, setzte sich zu ihr auf die Küchenbank und nahm ihre Hand, die er sanft drückte. »Du kannst mir ruhig alles sagen, Mama.«

Traurig sah sie zu ihm auf. Sie suchte etwas in seinem Gesicht, auch wenn sie genau wusste, dass sie es nicht finden würde. Er sah Karl nicht ähnlich. Vielleicht die Nase. Ein bisschen. Aber mehr auch nicht. Was würde sie dafür geben, ihren Karli wiederzusehen. Wenn auch nur in den Zügen ihres Sohnes.

»Ich vermisse ihn so sehr«, brachte sie leise und mit zitternder Stimme hervor. Schluchzend lehnte sie ihren Kopf auf die Schulter ihres Sohnes. Ihr Körper wippte auf und ab. 
Gerhard schlug die Arme um sie, drückte sie an sich und sagte: »Er fehlt mir auch, Mama. Sehr sogar.« Mehr fiel ihm nicht ein. Was kann man in solch einer Situation auch schon Richtiges sagen?

Die Frauen im Café – Marias sogenannte Freundinnen – ließen es sich nicht nehmen, über sie zu lästern. Jetzt hockt sie schon ein Monat lang zu Hause, sagte die eine. Die sollte mal wieder rausgehen, eine andere. Eine dritte mischte sich ein und meinte, dass ihr Sohn zwei Mal die Woche für sie einkaufen ginge. Dick sei er geworden. Wo das wohl noch hinführte? Zu Hause im Bett ist er gestorben, fuhr die erste fort. Ich würde ja nicht mehr in dem Bett schlafen können, sagte Nummer zwei. Wie Hühner in einer Legebatterie saßen sie dicht gedrängt an einem kleinen Tisch, ihre arthritischen Finger um die Kaffeetassen gekrallt und gackerten vor sich hin.

Plötzlich zersprang das Wasserglas der einen. Die andere schnitt sich in den Finger, als sie die Scherben aufsammeln wollte.

Maria, die in den Armen ihres Sohnes lag und von ihm festgehalten wurde, begann ein wenig zu lächeln. Sie wusste natürlich nicht warum, aber ihr war, als würde jemand die Hand auf ihren Kopf legen und sie streicheln. So fühlte es sich in ihrem Herzen an.

Gerhard ging eine Viertelstunde später, da er noch etwas zu erledigen hatte. Er kümmerte sich gut um seine Mutter, auch wenn er mit einundsechzig Jahren selbst schon zum alten Eisen gehörte, wie er manchmal scherzte. Er hatte selber Kinder, die wiederum auch schon welche hatten. Er war Großvater und seine Mutter schon Uroma. Mehrfache sogar. Doch sie konnte sich noch nicht überwinden, ihre Familie zu besuchen oder ihre Verwandtschaft als Besuch zu empfangen. Nur ihr Sohn durfte kommen. Wobei er sich mehr aufdrängte, um ihr zu helfen, als dass er ihre Erlaubnis hatte. 
Als er an dem Café vorbeikam, stand ein Rettungswagen vor dem Lokal. Drinnen herrschte chaotisches Gewusel. Was da wohl passiert ist?, fragte er sich, doch er musste weiter. Seine Frau wartete zu Hause. Heute war Jessikas Geburtstag. Ihr achter, aber ihr erster ohne Uropa. Und leider auch ohne Uroma, die vor dem Fernseher saß und vor sich hinstarrte.

Die Nachrichten ließen Maria wieder einmal unbeeindruckt, ebenso wie das übrige Fernsehprogramm. Deshalb ging sie früh zu Bett.

Zu ihrer Überraschung wachte sie am nächsten Morgen relativ zeitig auf. Ohne größere Anstrengung kam sie aus dem Bett, öffnete die Vorhänge und ließ das Tageslicht hinein. In der Küche machte sie Kaffee und schnitt sich zwei Scheiben von dem Kuchen ab, den Gerhard ihr gestern mitgebracht hatte. Nach dem Frühstück zeigte die Küchenuhr, die schon seit vielen Jahren immer fünf Minuten vorging (absichtlich, damit sie nicht zu spät kam, sollte sie einen Termin haben), fünf nach neun.

Ding-DongDing-DongDing-Dong 

Der Teller fiel ihr beinahe aus der Hand. Sie stellte ihn schnell ab und eilte zur Tür. Doch wie auch an den letzten zwei Tagen war niemand da.

»Karli, bist du das?«, fragte sie flüsternd in das leere Treppenhaus. Wenn jetzt eine Antwort kommt, dachte sie, bekomm ich sicher einen Herzinfarkt. Doch es blieb still. Der Gang lag leer und friedlich vor ihr. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass er auch weiterhin leer blieb, schloss sie die Tür. Sie war weder traurig noch wütend, sie war einfach nur enttäuscht.

Ein paar Minuten später rief sie ihren Sohn an und bat ihn vorbeizukommen, sobald er es einrichten könne. Es wäre nicht dringend, aber sie hätte ein Anliegen.

»Worum geht es, Mama?«, fragte er am Telefon. Sie erklärte ihm, dass sie gerne die Türglocke abstellen möchte, aber nicht wüsste, wie das ginge.

»Wieso willst du die Glocke abstellen?«

»Ich weiß nicht genau. Aber seit drei Tagen läutet sie immer wieder, doch es ist niemand da.«

»Das sind sicher nur Kinder, die Leuten gerne Streiche spielen.«

»Kann schon sein. Aber ich will nicht, dass mir jemand Streiche spielt. Dafür bin ich zu alt.«

Gerhard hörte ein kleines Lächeln durch das Telefon und versprach seiner Mutter, dass er gleich vorbeikommen würde.

Eine Stunde später war er bei ihr und zeigte Maria, wie sie ganz leicht die Türglocke abschalten, aber auch wieder einschalten konnte.

»Siehst du? Nur ein kleiner Kippschalter an der Seite. Runter, und die Glocke ist aus. Rauf, und sie ist wieder eingeschaltet. Ganz einfach.«

Am Abend schaltete sie die Glocke aus. Sie betätigte die Türklingel und prüfte, ob es auch wirklich geklappt hatte. Kein Geräusch. Zufrieden ging sie zu Bett.

»Gute Nacht«, flüsterte sie in den leeren Raum, zog sich die Decke bis zum Kopf und schlief ein.

Ihr Schlaf war so tief und fest, wie schon seit vielen Nächten nicht mehr. Dann wurde sie geweckt.

Ding-Dong … Ding-Dong … Ding-Dong

Flink wie ein Wiesel sprang sie aus dem Bett – was ihr für ihre fünfundachtzig (bald sechsundachtzig) Jahre wie ein verrücktes Wunder vorkam – und hastete (vom Schlaf noch ein wenig benommen) zur Tür, riss sie auf und stürmte in ihrem Schlafanzug auf den Gang. Niemand da. Natürlich nicht. Als sie sich umdrehte, um zurück in ihre Wohnung zu gehen, fiel ihr Blick auf die Türglocke. Sekundenlang starrte sie den kleinen Knopf an, bis sie sich schließlich überwinden konnte und ihn drückte. Kein Läuten. 
Was hatte das nur bedeuten?

Sollte sie jemandem davon erzählen? Maria beschloss, diese Ereignisse vorerst für sich zu behalten. Entschlossen ging sie in die Küche und tat das, was sie seit einem Monat jeden Tag machte: sie starrte aus dem Fenster. Die Zeit verging. Es war bereits später Abend, als sie sich aufraffte und ins Bett ging. Allein.

Am nächsten Morgen wachte sie früh auf. Es war noch nicht mal fünf Uhr. Sie hatte von ihrem Mann geträumt und wie er sie jeden Morgen mit seinem dreimaligen Klingeln weckte. Immer, wenn sie im Traum die Augen öffnete, stand er in der Schlafzimmertür, hauchte ihr einen Kuss zu und sagte ihr, wie sehr er seine Prinzessin liebte. Dann löste er sich wie Dunst auf, woraufhin sie munter wurde.

Nach diesem Traum konnte sie nicht mehr einschlafen und blieb wach. In der Küche machte sie sich Kaffee und nahm ein Stück Kuchen. Dass er schon etwas trocken war, machte ihr nichts aus. Als es kurz vor neun war, nahm sie einen kleinen Hocker und setzte sich damit in den Flur. Sie wartete.

Ding-Dong … Ding-Dong … Ding-Dong

Es war genau neun Uhr. Diesmal machte sie sich nicht die Mühe nachzusehen. Sie wusste ganz genau, dass niemand da war.

Ding-Dong

Nanu? Was sollte denn das? Es läutete schon wieder, aber nur einmal? Verwirrt stand sie auf und machte einen Schritt auf die Tür zu. Zögernd streckte sie ihre Hand nach der Türklinke aus, konnte sich aber nicht überwinden, sie zu öffnen.

Ding-Dong

Überrascht schreckte sie zurück und sah die Tür erstaunt und fragend an, als ein Klopfen sie aus ihrer Starre riss. Da steht wirklich jemand vor der Tür, dachte sie und öffnete. Es war Gerhard, der mit einem selbstgemachten Apfelstrudel ihrer Schwiegertochter vor der Tür stand.

»Alles okay«, fragte er besorgt. »Du siehst so verängstigt aus. Du zitterst ja am ganzen Leib.« 
Maria erzählte ihrem Sohn, was die letzten Tage immer pünktlich um neun Uhr vorgefallen war. Doch er konnte ihr nicht so recht glauben. Es war schließlich genau einen Monat her, seit ihr Mann verstorben war. Als Todeszeitpunkt hatte der Arzt damals neun Uhr angegeben. Es schien ihm eher so, als ob sie über den Tod ihres Mannes – seines Vaters – nicht hinwegkam und deswegen Tagträume oder gar Halluzinationen hatte. Aber was sollte er machen? Als seine Mutter schwor, die Glocke würde selbst dann läuten, nachdem sie sie eigentlich abgestellt hatte, hegte er für einen Sekundenbruchteil den Verdacht, seine Mutter würde tatsächlich durchdrehen. Aber schnell wischte er diesen Gedanken beiseite. Sie trauert einfach nur, erklärte er sich selbst. Und in ihrer Trauer sieht – besser gesagt hört – sie Dinge, die nicht da sind.

Maria erkannte, dass ihr Sohn ihr nicht glaubte. Sie konnte es ihm auch nicht wirklich verübeln, trotzdem war sie sehr enttäuscht darüber. So sehr, dass sie ihn bat, ihre Wohnung zu verlassen.

»Du wirst schon sehen«, sagte sie zu der hinter ihm geschlossenen Tür. »Ich werde es dir beweisen.«

Für den nächsten Tag stellte sie sich den Wecker, damit sie rechtzeitig munter war. Wegen ihrer Aufregung konnte sie sowieso die halbe Nacht keinen Schlaf finden. Nachdem sie sich mit Kaffee versorgt hatte, schnappte sie sich ihr Handy.

»Wie ging das gleich nochmal?« Sie hatte es kaum benutzt, seit sie es letztes Jahr zu ihrem Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Nur zum Telefonieren, aber die Kamera hatte sie noch nie verwendet. »Ich glaube, ich muss den Knopf auf der rechten Seite drücken.« Die Kamera startete. »Ha, so geht's. Dann auf Video.« Das Fotokamera-Symbol wechselte zu einem roten Punkt. »Das sollte es sein.« Zur Probe machte sie ein Video und war erstaunt über sich selbst, wie sie mit diesem unnötigen technischen Zeug, wie sie es immer nannte, zurechtkam.

Sie stellte sich einen Hocker in den Flur und legte sich auf die Lauer.

Der Wecker stand gegenüber auf einer kleinen Anrichte.
Die Türglocke war ausgeschaltet.

Es war eine Minute vor neun.

Sie startete die Kamera und richtete sie zur Tür, sodass der Wecker und die Urzeit darauf zu sehen waren.

Neun Uhr.

Ding-Dong … Ding-Dong … Ding-Dong

Als Gerhard eine halbe Stunde später bei ihr eintraf, fragte er, was denn schon wieder los sei. Maria wirkte übermütig und sprang regelrecht hin und her, wie ein aufgeregtes Kind zu Weihnachten.

»Ich hab's aufgenommen«, sagte sie und grinste dabei von einem Ohr zum anderen.

»Was hast du aufgenommen? Wie?«

»Mit dem Handy. Ich hab das Läuten mit dem Handy aufgenommen«, sagte sie stolz und wurde dabei immer größer.

»Echt? Du kannst mit den Handy umgehen«, fragte er verwundert, ging aber nicht auf das angebliche Läuten ein.

»Natürlich.« Der Stolz in ihrer Stimme wäre sogar einem blinden Taubstummen aufgefallen. »Aber ich weiß nicht, wie ich es anschauen kann. Du weißt das sicher. Komm, schau nach!« Sie streckte ihm das Handy entgegen.

»Na gut.«

Das Video zeigte die Eingangstür und den Wecker. Darauf konnte man gut 8:59 Uhr lesen. Ein paar Sekunden später zeigte er 9:00 Uhr an und man hörte Maria, wie sie im Hintergrund jauchzte. Dann setzte sich die Kamera in Bewegung. Maria ging damit zur Tür, öffnete und drückte als Beweis auf die Türklingel. Kein Geräusch. Dann zeigte das Video, wie sie die Klingel einschaltete und nochmals betätigte. Ding-Dong. Dann schwenkte das Bild hoch in Marias Gesicht, das auf dem Kopf stand und strahlend grinste. Ein Finger kam wie eine schwarze Wolke ins Bild und suchte die Aus-Taste.
Ende des Videos.

»Das kann doch nicht …«, stotterte Maria ungläubig. »Ich hab's doch … aufgenommen?«

»Aber da war nichts, Mama«, sagte Gerhard und versuchte dabei, so ruhig wie möglich zu klingen.

»Vielleicht hat es den Ton nicht aufgenommen?«, versuchte sie eine Erklärung zu finden, doch sie wusste es besser. Man konnte sie schließlich hören und auch das Läuten, als sie die Klingel wieder eingeschaltet hatte.

»Mama, da ist kein Läuten. Ich weiß, du vermisst Papa sehr und ich auch, aber …«

»Aber was?«, unterbrach sie ihn barsch. »Denkst du, ich werde verrückt?« Mit ernsten Augen sah sie ihn an, den Tränen nahe.

»Nein, das behauptet doch niemand.« Behutsam legte er seine Hände auf ihre Schultern. »Deine Trauer ist nur so stark, dass du dir wünschst, er wäre noch hier. Glaub ich zumindest.« Auch er war jetzt den Tränen nahe. »Ich weiß auch nicht, wie man damit umgehen muss. Hierfür gibt es kein Rezept. Keine Anleitung. Jeder verarbeitet die Trauer anders.«

»Und du denkst, ich bin deswegen krank und bilde mir das alles nur ein?«

»Nein. Nein. Du bist nicht krank. Keinesfalls!« Ich hoffe, ich klinge überzeugend. »Du glaubst oder hoffst, dieses Läuten zu hören, weil du Papa so sehr vermisst. Das ist alles, was ich damit sagen will. Nur weil man trauert, ist man doch nicht krank, Mama.«

Einen Augenblick sah sie ihn mit ernster Miene an, dann dachte sie, er würde ihr sowieso niemals glauben und nahm ihn in den Arm. Er erwiderte ihre Umarmung und drückte sie fest an sich.

»Ich hab dich lieb, Mama.«

»Ich dich auch, mein Sohn. Ich dich auch.«

Ding-Dong … Ding-Dong … Ding-Dong

Schon neun Uhr?, fragte sie sich, als sie vom Läuten geweckt wurde und setzte sich in ihrem Bett auf.

»Karli. Wenn du das bist …«, begann sie, wusste aber nicht, was sie weiter sagen sollte: Mach es nochmal? Hör damit auf? Zeige dich? Das war alles irgendwie lächerlich. Doch bevor sie antworten konnte …

Ding-Dong … Ding-Dong … Ding-Dong

»Bist du das, Karli?« 
Ding – ein paar Sekunden Stille – Dong

Vor Freude klatschte sie in die Hände.

»Willst du mir etwas sagen?«

Ding – Mehr kam nicht. Auch nach einer Minute folgte kein abschließendes Dong. Das kam ihr seltsam vor und sie überlegte, was er ihr damit wohl sagen wollte. Sie vermisste ihn so sehr und wünschte sich, er wäre jetzt bei ihr – wirklich bei ihr. Aber das war nicht möglich. Sie wünschte sich so sehr, sie könnte bei ihm sein, aber das würde bedeuten …
»Willst mich holen?«, fragte sie leise und zaghaft.

Dong

Ein kaltes Gefühl überkam sie. Ein Gefühl der Angst. Aber es war nur von kurzer Dauer. Bald wurde es durch eine angenehme, behagliche Wärme abgelöst, als würde sie in eine Decke gehüllt. Es fühlte sich weich an. Vertraut. Ihr war, als drang ein Duft in ihre Nase. Ein bekannter Geruch, der aber schon lange verflogen war. Wenn sie sich auf die leere Seite des Bettes rollte, stieg dieser Duft manchmal hoch, doch nun war er sehr intensiv. Sie konnte ihn riechen. Sie konnte ihn fühlen. Seine Berührung, wie er sie in den Arm nahm. Eine Träne kullerte ihr über die Wange und warmes Licht schien auf sie herab.
Da war er.

Karli.

Er stand in der Tür, hauchte ihr einen Kuss zu und breitete die Arme nach ihr aus.

»Komm mit mir, meine Prinzessin«, sagte er in einem dumpfen Echo.

»Ja«, sagte sie und folgte ihrem Mann… hinaus aus der realen Welt, hinein in ein Paradies voller Liebe, Licht und Geborgenheit.

***

Ich hoffe, die Geschichte hat euch gefallen. Wollt Ihr mehr von seinen Geschichten lesen. Dann besucht ihn doch. Ihr findet sie auf grauen.net!


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