Ein neuer Gast auf meinem Blog!


Heute stellt sich ein neuer Autor vor:

Miriam Malik geht das Thema Fantasy von einem neuen Blickwinkel an. Sehr interessant, wie sie Magie und moderne Technik mit einander verbindet.

Viel Spaß mit Miriam Malik und

Das Böse aus der Hinterwelt






Von M. Malik


Ankunft in Hinterwelt



 „Nein, nicht der Orkus!“, kreischte die hässlichste Kreatur, die ich je gesehen hatte. Am ähnlichsten schien sie noch einem Warzenschwein zu sein, das auf seinen Hinterbeinen gehen und eine mehrfach geflickte Felljacke tragen konnte. Die Haut war allerdings pechschwarz, wirkte lederartig und war von zahlreichen, rosa schimmernden Narben bedeckt.„Doch, Russt. Orkus. 1 Jahr“, erwiderte eine andere, ähnlich aussehende Kreatur mit einem boshaften Grinsen. Dann wandte sie sich mir zu. „Das blüht dir auch“, erklärte sie mir. „Aber bei dir wird es lebenslänglich.“

Mir rutschte das Herz in die Hose. Was mochte das sein, der Orkus? Welche unsagbare Hölle wartete auf mich, dass diese hässliche Kreatur, die von oben bis unten voller Narben war, so viel Angst davor hatte? Was hatte ich überhaupt getan, um das zu verdienen?

Nun, alles schön der Reihe nach.

Verdient hatte ich das nicht. Fand ich zumindest. Ich war Freitag Abend um 21 Uhr nach einer 60-Stunden-Woche vor dem Fernseher eingeschlafen. Als Software-Berater bin ich für die Einführung der ERP Lösung x.Gate zuständig. Das ist eine Software, mit der ein mittelständisches Unternehmen alle wesentlichen Prozesse abbilden kann - vom Kundenmanagement im CRM über Produktion und Lagerverwaltung bis hin zum Controlling. Gerade leitete ich den Übergang auf x.Gate bei der De Profundis GmbH, bei der nichts, aber auch gar nichts nach Plan lief. Ständig tauchten zum Beispiel neue Seriennummern im System auf, von denen niemand wusste, woher sie kamen. Das Testsystem stürzte dauernd ab. Wenn ich am Morgen Kundendaten einlas, waren die Datensätze am Abend mit kryptischen Sonderzeichen gefüllt. Diese Probleme brachten mich schier um den Verstand. Entsprechend gestresst und fertig war ich auch an jenem Abend.

Meine Arbeit ist mein Leben, Privatleben habe ich keins. Meine Frau Sabine hatte mich schon vor zwei Jahren verlassen und war mit ihrem Zumba-Lehrer durchgebrannt. Unseren zweijährigen Sohn Tim hatte sie mitgenommen. Undank ist der Welten Lohn - schließlich habe ich alles Erdenkliche getan, um ihr das Leben zu ermöglichen, das sie sich immer gewünscht hat… Nun, spätestens jetzt hat sie es. Einen Sohn, einen feurigen Latino und einen Volltrottel, der das Haus finanziert, in dem die drei wohnen. Aber genug davon.

Bevor ich einschlief, war im Fernseher irgendein düsterer Fantasyfilm gelaufen. Und so war es wohl kein Zufall, dass ich dann mitten in einer unwirklichen, heißen, dunklen, steinigen Lavalandschaft aufwachte. Außer dem glühenden Rot der Lavaströme um mich herum konnte ich kein Licht ausmachen: kein Mond, keine Sterne, natürlich auch keine Sonne. Ich war dann ein bisschen in der trostlosen Landschaft herumgelaufen, während es überall zischte und brodelte, bis ich beinahe einen Herzinfarkt bekam, als sich vor mir plötzlich eine Spalte mit stinkender, schwarzer Lavabrühe auftat, in die ich fast hineingefallen wäre. Und dann war eine Handvoll der scheußlichen, größenmäßig zwischen Meerschweinchen und 12-jährigen anzusetzenden Warzenschweinkreaturen erschienen, die mich mit Metallspeeren in den Hintern piekten und mich aufforderten, mit ihnen mitzukommen.

Ich bin überhaupt kein Freund von Fantasy-Filmen und fand den Traum echt beschissen. Allerdings war das mit dem Aufwachen nicht so einfach. Ich kniff mich in den Arm, ich schlug mir ins Gesicht es half nichts. Ich spürte die Hitze von den Lavaströmen in meinem Gesicht, der Gestank nach Teer biss mir in die Nase, meine Zehen schmerzten von den scharfkantigen Steinen. Hausschuhe sind für solche Arten der Wanderung nicht geeignet - genauso wenig wie mein bester, schwarzer Anzug, den ich aus Faulheit am Abend nicht ausgezogen hatte, da ich ihn sowieso in die Reinigung hatte bringen wollen.
Nach gefühlten fünf Stunden blieben die schwarzen Kreaturen schließlich stehen und mir fiel auf, dass wir uns vor einem gewaltigen Bauwerk aus schwarzem Lavagestein befanden. Die Anlage war jedoch so mit den Felsen verschmolzen, dass sich das Mauerwerk kaum davon abhob. Eine Öffnung erschien keine zwei Meter rechts von uns. Die Warzenschweine pieksten mich wieder, diesmal aber in die Rippen. Ich betrat eine Eingangshalle, die von einem großen Lavabecken in ihrer Mitte in rotes Licht getaucht wurde. Ich wurde vorwärts getrieben, hinein in einen finsteren, mit trüben Funzeln notdüftig beleuchteten Gang. Es ging eine Vielzahl von Treppen hinauf und hinunter, bis ich schließlich in einer Art Zimmer stand, in dem die hässliche Kreatur namens Russt jämmerlich „Nein, nicht der Orkus!“, kreischte und mir alsbald das Urteil ‚lebenslänglich‘ verkündet wurde.

Ich hielt mir die Ohren zu und kniff mich erneut in den Arm. „Warum macht ihr das?“, fragte ein besonders kleines Exemplar und staunte mit großen Augen zu mir herauf.


„Was?“, fragte ich unfreundlich.

„Das“, sagte es und kniff mich ins Bein.

„Au!“, entfuhr es mir.

„Das macht ihr alle, wenn ihr kommt“, erklärte es.

„Lass ihn in Ruhe, Gorm - der wird nicht gefoltert“, schaltete sich ein anderer Warzenschweinverschnitt ein. „Nauros will ihn intakt!“
„Nauros!“, hauchte das kleine Wesen ehrfürchtig und blickte mich voller Respekt an. Dann bekam ich wieder einen Speer in den Rücken.

Einige Zeit lang trottete ich hinter dem streng bewachten Russt her. Gut zu wissen, dass sie mich nicht foltern wollten. Wobei… wenn sie das täten, würde ich vielleicht aufwachen. Oder nicht? Ich beschäftigte mich ein Weilchen mit solchen Gedanken, bis wir plötzlich an einer Abbruchkante über einem gewaltigen Hohlraum standen.
Im Orkus von Hinterwelt

Es schien, als ob die Erde an dieser Stelle von einer unbekannten Kraft gewaltsam entzweigerissen worden wäre. Der Grund war lediglich zu erahnen. Die Seitenwände waren teilweise geglättet und treppenförmig angelegt worden. Überall loderten helle Fackeln. Auf der einen Seite der Höhle befand sich eine große Anzahl an Laufrädern. In jedem lief eine Warzenschweinkreatur, als ob es um ihr Leben ginge. Was vielleicht auch stimmte, denn vor jedem Laufrad stand ein peitschenschwingendes Wesen, so groß wie ich, allerdings in schwarzes Leder gekleidet (das so aussah, als könnte es aus der Haut der Warzenschweine gemacht sein) und mit zwei gewaltigen Schwingen auf dem Rücken. Eines davon wandte sich zu mir um. Ich konnte böse funkelnde, dunkle Augen, eine winzige Nase und große, spitze Zähne erkennen. Mit Schaudern wandte ich mich ab. Von den Laufrädern liefen breite Lederriemen kreuz und quer durch die Höhle, die zu großen Zahnrädern führten und sich im Nirgendwo verloren.

„Weiter!“, knurrte eine der Gestalten. Auf einer engen Treppe ohne Geländer ging es nach unten in die Tiefe. Ich behielt die schlecht behauenen Stufen fest im Blick - jeder falsche Schritt hätte mich das Leben kosten können. Wobei… Würde ich aufwachen, wenn ich in diesem Traum starb? Oder würde ich in einem weiteren Alptraum landen? Ich beschloss, erst noch abzuwarten und tappte gehorsam weiter hinter Russt her, der ein ums andere Mal verzweifelt aufschluchzte.

„Stopp!“ rief die Kreatur hinter mir schließlich. Ich blickte auf - und glaubte, meinen Augen nicht trauen zu können. Wir waren am Grund der Höhle angelangt. Hier reihte sich - und zwar ordentlich und nebeneinander - ein Computertisch an den anderen. Davor saßen unterschiedlich große Warzenschweinkreaturen und hämmerten auf unschuldige Tastaturen ein, während weitere geflügelte Monster zwischen ihnen patrouillierten und ihre Peitschen schwangen. Die Rechner waren mit seltsam zotteligen Baumwurzeln verbunden, die in einem gespenstischen Grün leuchteten.

Die Wurzeln kamen aus einer Art gigantischem, von schwarzem Fels umrandeten Pool an der gegenüberliegenden Seite der Höhle. Ab und zu schwappte Wasser heraus und ich glaubte zu sehen, wie sich dunkle Leiber darin bewegten…

„Willkommen im Orkus“, knarzte mein Wächter mit dem Speer. Mein Mitgefangener brach neben mir weinend zusammen. Eines der geflügelten Wesen kam heran, packte den Unglücklichen an den Armen und zerrte ihn zu einem Computer. Es packte das Warzenschwein, legte eine metallene Fessel um sein Fußgelenk und begann, auf den Gefangenen einzureden.

Da legte sich ein Schatten über die Halle und es wurde totenstill. Die Warzenschweine duckten sich unter die Computertische, die Geflügelten machten sich klein. Die Kreaturen in den Laufrädern wagten kaum zu atmen geschweige denn, sich zu bewegen. Die Computerbildschirme wurden der Reihe nach schwarz. Ich blickte nach oben. Ein gewaltiges, geflügeltes Etwas senkte sich herab und ließ sich - Gott sei Dank in einiger Entfernung von mir - auf dem Boden nieder. Hier gab es eine Stelle, die nicht mit Rechnern vollgestellt war. Das Ungeheuer, die ich am ehesten mit dem Wort „Drache“ beschreiben kann, fauchte. Es war groß wie ein Reisebus, hatte einen schlangenförmigen Hals und einen gewaltigen Kopf mit einem riesigen Maul. Mit seinen Krallen schnappte es sich eines der Warzenschweine und verschlang es in einem Happs. Da seine Beute jedoch an einen der massiven Computertische gefesselt war, hob der Drache diesen mit in die Höhe. Der Rechner krachte auf den Boden. Der Drache zuckte zurück und fegte mit seinem Schwanz drei weitere Rechner von ihren Tischen.

„Genug!“ Die Stimme war nicht sonderlich laut, aber ehrfurchtgebietend. Der Drache spuckte daraufhin das Warzenschwein wieder aus und ließ es auf den Boden fallen, wo es - sichtlich benommen - auf den Trümmern des Computertisches liegenblieb.
„Weiterarbeiten!“, befahl die Stimme. Die schwarzen Kreaturen begannen erneut zu tippen, obwohl die Bildschirme schwarz waren. Auch in den Laufrädern regte es sich. Nach kurzer Zeit leuchtete ein Kabel nach dem anderen grün auf - und schließlich gingen auch die Monitore wieder an.

„Sie müssen noch viel lernen“, sagte die ehrfurchtgebietende Stimme direkt neben mir. Ich fuhr erschrocken zusammen. Da stand eine ganz in schwarz gehüllte Gestalt, etwa so groß wie ich. Von der Körperform her ein durchtrainierter Mann. Allerdings lag ein Schatten über seinem Gesicht, wie ein dünner Schleier, sodass ich die Gesichtszüge nicht erkennen konnte. Und auf dem Kopf trug er eine gewaltige Krone, die aus Stein gemeißelt schien und unglaublich schwer sein musste.
„Sei willkommen, Mensch. Ich bin Nauros, der Dunkle Herrscher von Hinterwelt. 
„Ah!“ murmelte ich und sagte laut: „Ich bin Manuel Schmidt - von der Erde.“
„Nur reden, wenn gefragt!“ zischte eines des geflügelten Wesen, das plötzlich hinter mir stand und gefährlich die Peitsche schwang. Ich zuckte zusammen.
„Auf deinen Platz, Lukzna!“, befahl Nauros ruhig. Das Wesen verbeugte sich und ging drei Schritte rückwärts. 
„Manuel. Gut.“ Der dunkle Herrscher stand direkt vor mir. Es war unheimlich, da ich seine Augen nicht sehen konnte. Unwillkürlich fragte ich mich, warum er das Gesicht verbarg. War es so abstoßend? Wobei, wenn ich mir die Gesichter der sonstigen Gestalten so ansah, konnte ich mir nicht vorstellen, dass das wirklich ein Kriterium sein konnte. 
„Vergib ihnen, Manuel“, fuhr der dunkle Herrscher fort. „Sie sind noch nicht bereit. Aber ich habe eine Aufgabe für dich. Folge mir.“ 
Gehorsam folgte ich ihm einmal quer durch die Halle eine Treppe hinauf zu einer Art in die Felswand geschlagenen Balkon zwei Meter über dem Hallenboden. Hier befand sich ein gewaltiger Thron, der aussah, als ob er aus einem einzigen, riesigen schwarzen Edelstein geschlagen worden wäre. Neben dem Thron gab es ein Tischchen mit einem Laptop, in dem ein besonders dickes, grün leuchtendes Wurzelkabel steckte. 
Ich stellte mich neben den dunklen Herrscher, warf zum ersten Mal einen Blick auf den Bildschirm und erstarrte. Denn es handelte sich um x.Gate, das ERP-System meiner Firma. Was mich wieder daran erinnerte, dass ich träumte. Reflexartig kniff ich mich ins Ohr. Doch nach wie vor wachte ich nicht auf. 
„Das - das ist beeindruckend!“, murmelte ich - und meinte es auch. Unglaublich, was man sich manchmal für einen Stuss zusammenträumen konnte. „Aber was genau macht ihr mit unserem Programm?“ 
„Es ist das Tor. Das Tor zu eurer Welt. Die Verbindung, nach der die Globber so lange gesucht haben.“ 
Ich verstand nur Bahnhof. Nauros ließ sich nicht beirren. 
„Es war die Möglichkeit, endlich mit eurer Welt Kontakt aufzunehmen. Und unsere Güter in eure Welt einzuführen.“ 
„Aber - wie denn?“, stammelte ich. 
„Das System läuft parallel mit dem System der Profundis.“ Was - welch Zufall - ja genau die Firma war, bei der ich x.Gate zurzeit einführte. 
„Wir haben unser System mit dem der Profundis synchronisiert und Hinterwelt als Lieferant angelegt. Wenn wir eine Lagerumbuchung tätigen, werden unsere Produkte in eure Welt transferiert.“ 
Das war eine mögliche Erklärung dafür, wie eben jene ungeheuren Lagerumbuchungsbewegungen inklusive Seriennummern zustande kamen, die im System angezeigt wurden und auf die ich mir bislang keinen Reim hatte machen können.
„Aber… Wie habt ihr das eingerichtet?“, fragte ich.
„Mit Marlies und Sergio.“
„Marlies? Fischer?“ Ich war überrascht. Doch es machte Sinn. Marlies Fischer, meine Vorgängerin, die sich mit dem Firmenchef überworfen hatte und einfach mit einer Liste all unserer Kunden davonmarschiert war. Sie hatte eine Konkurrenzfirma aufgemacht und so erfolgreich unsere Kunden abgeworben, dass unsere eigene Firma fast Insolvenz hatte anmelden müssen - wenn Marlies nicht plötzlich spurlos verschwunden wäre. Was mit ihr passiert war, wusste niemand. Die gängige Theorie lautete, dass sie alles Geld aus ihrer eigenen Firma abgezogen hatte und damit ins Ausland gegangen war. Nun, jetzt gab es noch eine weitere Erklärung. 
„Wo ist sie jetzt?“, fragte ich zaghaft. 
„Rockie hat sie gefressen.“ 
„Rockie?“ 
Der dunkle Herrscher wies auf seinen Drachen, der sich wie ein überdimensionierter Hund zwischen den PCs auf dem Rücken wälzte, die gewaltigen Tatzen in die Luft streckte und ab und zu mit seinem Schwanz ein Warzenschweintierchen quer durch die Halle fegte. 
„Rockie hatte Appetit auf ein Häppchen und sie war zu nah bei ihm. Er hat sie auf einmal verschlungen. Und dabei nicht einmal gut vertragen… Eine Woche lang hatte er wirklich schlimme Blähungen. Nachdem er drei Rook mit seinen Ausdünstungen vergiftet hatte, musste ich ihn für einige Tage in die Wüste schicken.“ 
„Rook?“ 
„Rook sind meine Diener. Ich setze sie für alle anfallenden Tätigkeiten ein. Sie sind sehr robust.“ Ich ahnte, dass es sich um die Warzenschweinkreaturen handeln musste. 
„Und - die anderen?“ Ich deutete auf eines der geflügelten Wesen. 
„Das sind Lugnuz. Aus ihnen rekrutiere ich meine Armee.“ 
Das ergab Sinn. Sie waren wirklich furchteinflößend. Diesen geflügelten Kriegern mit ihren spitzen Zähnen wollte ich nicht in die Hände fallen. 
„Und - und Sergio?“, fragte ich weiter. Ich vermutete, dass es sich um Sergio König handelte, den Vorstandsvorsitzenden der De Profundis GmbH. 
„Sergio ist ein Gestaltwandler. Wie ich. Wir können jede beliebige Gestalt annehmen und durch die Welten wandeln. Deswegen sind die meisten von uns bereits bei euch und üben Einfluss in eurer Welt aus. Viele haben sehr mächtigen Positionen inne. Auf diese Weise können wir jedoch keine Güter zu euch transferieren. Deswegen brauchen wir x.Gate.“ 
„Ich verstehe nach wie vor nicht“, murmelte ich. 
„Gorisch wird dir alles erklären“, sagte Nauros und winkte mit der Hand. 
Ein durchaus intelligent wirkender Rook in der Größe eines Hobbits kam die Treppe hinaufgeeilt und warf sich vor Nauros auf den Boden. 
„Gorisch, du wirst Manuel alles zeigen und mit ihm insbesondere die offenen Fragen bei der Personaltransferation klären. Das Problem ist zügig zu lösen, die Fertigstellung ist für nächste Woche angedacht. 
„Ja, Dunkler Herrscher“, flüsterte Gorisch. 
„Was macht das Raum-Zeit-Kontinuum?“ 
Gorisch rappelte sich in eine kniende Position hoch und zog einen trüben Kristall aus der Tasche. „Es verschlechtert sich, Dunkler Herrscher“, erklärte er und bemühte sich sichtlich, Nauros dabei nicht direkt anzusehen. „Der Kristall verfärbt sich immer mehr ins Bläuliche. Ich weiß nicht, was das bedeuten soll, aber es ist sicherlich nichts Gutes.“
„Beobachten!“, befahl Nauros. Gorisch zuckte zusammen und warf sich erneut zu Boden. 
Nauros nickte knapp und setzte sich auf den gewaltigen Thron.
Der Think Tank

„Mitkommen!“, flüsterte Gorisch, rappelte sich auf und trippelte eilig die Treppen hinunter. „Ich zeige dir alles“, erklärte er, als er unten angekommen war und lief nun langsamer. Das war mir nur recht. 
„Ich verstehe das wirklich nicht“, sagte ich, wobei ich mich flüchtig fragte, warum ich die Logik eines Albtraums enträtseln wollte. „Wie um alles in der Welt kommen die Rechner nach Mittelerde?“ 
Gorisch blieb so plötzlich stehen, dass ich ihn beinahe über den Haufen gerannt hätte. Alle Rooks und sogar die Lugnuz verstummten, warfen mir böse Blicke zu und schielten dann ängstlich zu Nauros Balkon. Es blieb still. Erleichtert machten sich die Kreaturen wieder an die Arbeit. Gorisch zog mich hastig weiter. 
„Wir sind auf Hinterwelt“, flüsterte er dabei. „Der dunkle Herrscher hasst dieses Du weißt schon was. Sprich nicht mehr davon.“ 
„Kann ich gut verstehen“, sagte ich laut. „Ich hasse es ebenfalls.“ 
„Wirklich?“ Gorisch schielte zu mir herauf. 
„Meine Frau hat diesen Herr der Ringe-“ Gorischs Warzenschweinschnauze bekam einen Grünstich, was ich ignorierte - „immer gerne angesehen. Keine Ahnung, was sie daran gefunden hat.“ Ich zuckte die Achseln. 
„Wir hatten immer wieder Menschen hier, die über Du weißt schon was gesprochen haben. Mittlerweile erträgt unser Herrscher die bloße Erwähnung nicht mehr. Ich habe eine Theorie.“ Gorisch blieb stehen und sah mich erwartungsvoll an. 
„Ja?“, fragte ich. 
„Ich glaube, der, der euch die Geschichten um Du weißt schon was gebracht hat, war einmal in Hinterwelt. Und er hat dann alles völlig verdreht.“ 
„Hm.“ Ich hatte noch ein paar andere Theorien, die in Richtung Überarbeitung und Burn-Out gingen. Aber davon erzählte ich besser nichts. Stattdessen durchforstete ich mein Gehirn nach allem, was ich über Tolkiens Welt wusste und fragte schließlich:
„Bei Herr der - Du weißt schon was“, fügte ich nach einem Blick in Gorischs entsetztes Gesicht hastig hinzu - „da gibt es Orks, so etwas wie - du - und dann gibt es noch andere. So große, blonde, Spitzohrige - wie Spock - und so ganz Kleine.“ 
„Ja, genau das meine ich!“ Gorisch zog ein Gesicht, als hätte er aus Versehen irgendetwas Ekliges verschluckt. „Die gab es. Aber sie waren abgrundtief böse. Sie sind in unsere Bergwerke eingedrungen und haben unsere Brut ausgelöscht. Bis Nauros kam und sie vernichtet hat. Dem dunklen Herrscher sei Dank!“ 
Das wurde mir langsam zu brutal und ich beschloss, das Thema zu wechseln. 
„Was tippen sie eigentlich?“, fragte ich. 
„Was?“ Gorisch sah mich verwirrt an. 
„Die - Rook. Was tippen sie?“ 
„Wieso?“ 
„Na, es muss doch einen Sinn haben, dass sie tippen.“ 
„Wirklich? Bei euch macht das Sinn? Die Globber haben jedenfalls keinen finden können. Wir benutzen die Rechner, um unzulängliche Rook zu bestrafen. Das ist viel effektiver, als sie zum Patroulliendienst einzuteilen. Da würden sie sich sowieso nur prügeln. Nein, die Strafe soll ja abschreckend wirken. Und ein Jahr Orkus ist für sie die Hölle. Danach sind sie dann ganz friedlich.“ 
„Das heißt, die Rooks sitzen den ganzen Tag vor den Computern und - machen nichts?“
„Doch, natürlich - sie tippen!“ 
Das warf eine neue Frage auf. „Was genau macht ihr dann eigentlich mit dem x.Gate?“
„Ah.“ Gorisch lächelte. „Komm mit.“ 
Er führte mich zu dem mysteriösen Pool, aus dem die Wurzeln traten. Ich blickte hinein. Das Wasser war sehr klar, doch den Grund konnte ich nicht sehen. Das Becken musste wahnsinnig tief sein. Darin schwammen etwa menschengroße, fischähnliche Wesen, die mich aus großen gelben Augen intelligent musterten. 
„Das ist unser Think Tank“, erklärte er. „Die Globber entwickeln unser Wissen und hatten die Vision, eine Brücke zu eurer Welt zu bauen. Was wir brauchten, war ein Tor. Und das haben wir mit eurer Software gefunden.“ 
Was mein Unterbewusstsein so alles zusammenfabulierte, erstaunte mich immer und immer mehr. 
„Aber wie können sie Wissen entwickeln?“ 
„Im Wasser sieht man viele Dinge klarer“, erklärte Gorisch ernst. Dann zog er seinen Kristall aus der Tasche. „Das gefällt mir nicht“, murmelte er. 
„Was ist los?“ fragte ich. 
„Eine Theorie der Globber“, erklärte er. „Dieser Kristall kann Verschiebungen im Raum-Zeit-Kontinuum feststellen. Wir bauen mit x.Gate eine Materie-Brücke zu eurer Welt. Das dehnt das Raum-Zeit-Kontinuum aus. Wenn wir das Tor zu eurer Welt nicht rechtzeitig öffnen, wird das Raum-Zeit-Kontinuum überdehnt. Dann schnalzt es zurück, die Verbindung ist unterbrochen und alles aus eurer Welt wird nach Hinterwelt zurückgeschleudert. Und umgekehrt.“ 
„Funktioniert das wie ein Expander, den man loslässt?“, fragte ich. „Oder ein Boomerang, den man wirft?“ 
Gorisch schnaubte. „Weiß nicht, wovon du redest. Aber die Globber meinen, wenn sich der Kristall dunkel verfärbt, ist es zu spät.“ 
Ich beschloss, auch dieses Thema nicht weiter zu vertiefen. 
Gorisch zeigte mir an einem Rechner, der sich direkt neben dem Think Tank befand, meine Aufgabe. Ich sollte verschiedene Listen in x.Gate einlesen. Dabei handelte es sich um Artikel mit Seriennummern. 100 Millionen PF, 1 Million LS, 50 Millionen RR, 50 Millionen R…, 1 Millionen LN, 1000 GM. Die Datenmengen waren gewaltig. Meine Aufgabe war es, die einzelnen Felder mit den in x.Gate bestehenden Feldern abzugleichen und die Liste schließlich zu übertragen. Es war eine durchaus knifflige Arbeit, aber sie machte Spaß. Ich mochte Herausforderungen und mit so großen Datenmengen hatte ich noch nie zuvor gearbeitet. Und das Schöne war - in meinem Traum klappte alles so, wie es sollte. Eigentlich war das gar nicht so übel. Fast besser als die Realität mit alimentefordernder Ehefrau, kreischenden Kleinkindern und wütenden Chefs, die fragten, warum die Einführung bei der De Profundis GmbH so zäh ablief.

Die Implementierung von x.Gate


Die Implementierung von x.Gateverging wie im Flug. Ich sichtete die Listen und brachte sie in ein mit x.Gate kompatibles Format. Dann überprüfte ich die Seriennummern, bei denen es sich natürlich um dieselben Seriennummern handelte, die mich auf der Erde in den Wahnsinn trieben ... 
Ein Gong ertönte. 
„Essenspause“, erklärte Gorisch, der plötzlich wieder neben mir stand. Tatsächlich hörten die Rook in den Laufrädern auf zu laufen und die Tastatur-Rooks auf zu tippen. Die Laufrad-Rook verschwanden in dunklen Felslöchern, während die Tastatur-Rook alle auf einmal zu reden anfingen. 
„Ich habe heute 1453 Mal die Taste x betätigt“, erklärte ein schäferhundgroßer Rook zu meiner Rechten. 
„Und ich brauche spätestens morgen eine neue Tastatur“, antwortete ein anderer Rook in der Größe eines Dreijährigen. 
„Ich habe mir heute die Zeile QWERTZUIOPÜ vorgenommen“, verkündete ein dritter Rook, der größte, den ich bislang gesehen hatte und der mir in etwa bis zur Brust reichte.
Die drei begannen eifrig, weiterzuplappern. Dann drehte sich der Kleinste von ihnen um und warf mir einen erschrockenen Blick zu. Alle drei blieben stehen und schielten zu mir herauf. 
„Und dann habe ich dem Menschen den Kopf abgehauen und sein Blut ist 10 Meter weit gespritzt!“, erklärte der Mittlere von ihnen und warf mir einen abschätzenden Blick zu. 
„Ich habe einen in der Mitte gespalten!“, fügte der Kleinste hinzu. Dann liefen sie alle drei schnell weiter. 
„Ach ja“, seufzte Gorisch. „Ich weiß nicht, warum, aber Tippen macht sie wirklich fürchterlich geschwätzig. Friedlich, aber geschwätzig. Naja.“ Er führte mich zu einer Felsöffnung und drückte mir ein Stück bläulich schimmernde Wurzel in die Hand. „Iss das“, befahl er. Ich blickte skeptisch erst auf die Wurzel und dann auf Gorisch. 
„Die anderen Menschen haben das auch gegessen“, versicherte er mir. Also biss ich hinein. Es hatte in etwa die Konsistenz einer Möhre, war aber äußerst nahrhaft. Nach der halben Wurzel war ich bereits komplett satt und fühlte mich fit wie lange nicht mehr.
Gorisch hatte sich währenddessen entfernt und kam mit einer Steinschale wieder, die mit rotglühender, lavaartiger Substanz gefüllt war. 
„Lavasuppe“, erklärte er und schmatzte, während er die heiße Suppe in sich hineinschüttete. 
Der Gong ertönte von Neuem. 
„Weiter geht’s!“, verkündete Gorisch aufgeräumt und führte mich zurück zum Think Tank, wo ich weiterarbeitete. Daten formatieren, das System konfigurieren, zwischendurch Wurzeln essen und aus dem Think Tank trinken. Ich fühlte mich fit und leistungsfähig. Schlaf brauchte ich nicht. Ich vergaß, dass ich mich in einer Traum-Pseudo-Herr-der-Ringe-Welt befand. Es war einfach viel spannender als die Realität der letzte Jahre. 
„Morgen ist es soweit!“ Ich zuckte zusammen und fuhr herum. Hinter mir stand Nauros. 
„Morgen ist der große Tag“, verkündete er. 
„Was für ein Tag, dunkler Herrscher?“, fragte ich zaghaft. 
„Morgen ist das Tor fertig.“ 
„Wirklich? Toll!“ Das meinte ich auch genauso. Ich war verdammt stolz auf meine Arbeit. „Und was bedeutet das dann genau?“, erkundigte ich mich anschließend. „Mit was für Gütern wollt ihr Handel treiben?“ 
„Eigentlich weniger Handel“, schränkte Nauros ein. „Wir werden sicher deutlich mehr erobern als handeln.“ 
„Was?“ Ich muss wirklich entgeistert dreingeblickt haben, denn er tätschelte sanft meinen Arm. 
„Aber du hast doch alles selbst transferiert. Oder was dachtest du, was PF, LS, RR, LN oder GM sind? Natürlich Pechfackeln, Langschwerter, Rook-Rüstungen, Lugnuz und Gesteinsmaden.“ 
„Aber….“ Ich war einen Moment völlig fassungslos. Dann rang ich nach Argumenten.
„Deine Armee… ist doch viel zu klein.“ 
„Meinst du?“ Er blickte mich nachdenklich an. „Meinst du, 50 Millionen Rook und 1 Million Lugnuz sind zu wenig?“ 
Ich musste husten. 50 Millionen Rook auf der Erde? Kaum vorstellbar. 
„Ja“, erklärte ich dann - wie ich hoffte, überzeugend. „Auf jeden Fall. Wir haben schreckliche Waffen.“ 
„Meinst du diese Bomben und Gewehre?“ 
„Und Panzer und Flugzeuge…“, fügte ich enthusiastisch hinzu. 
„Das glaube ich nicht. Die Globber haben alles genau ausgerechnet“, winkte Nauros ab. „Wir schicken zuerst unsere Bohrmaden und dann…“ 
„Bohrmaden?“ 
„Gehören zur Gattung der Allgemeinen Gesteinsbohrmaden. Sie können sich in null Komma nichts in euren Untergrund graben. Granit und Basalt mögen sie am liebsten. Sie werden sich in den Gegenden, die ihr Island, Japan und Italien nennt, tief in die Erde hineingraben und die Vulkane zur Eruption zwingen. Sobald die Atmosphäre genug Schwefel enthält, dass die Lugnuz und die Rook darin leben können, werden wir jeden vernichten, der sich uns in den Weg stellt.“ 
„Aber - dann werden viele Menschen sterben!“ 
„Bei jedem Umbruch sterben Menschen. Das ist doch ganz normal. Wie die Menschen in eurer Ukraine, in eurem Syrien, in eurem Irak. Und was jammerst du wegen ein paar Vulkanausbrüchen? Ihr seid anpassungsfähig. Ihr habt schon Eiszeiten überlebt.“
„Aber ihr wollt - unsere Atmosphäre vergiften! Dann werden wir alle sterben! Wir müssen ja auch essen!“ 
„71% der Erde sind von Wasser bedeckt, über 30% der Landmasse besteht aus Wüste. Und ihr lebt trotzdem. Das Meer wird euch alles geben, was ihr braucht. Und da ihr in naher Zukunft nicht mehr über sieben Milliarden, sondern nur noch eine Milliarde sein werdet, sollten die Lebensmittel reichen. Sonst werden die Globber schon eine Lösung finden. Ich will euch schließlich nicht vernichten, sondern euch helfen.“ 
„Helfen? Aber du brauchst uns nicht zu helfen! Es geht uns gut! Wir leben in Frieden…“
„Frieden? Erzähl doch keinen Quatsch. Ihr seid Kreaturen des Krieges und der Gewalt. Von Anfang an. Ägypter, Griechen, Perser - das waren sicher keine friedlichen Zeiten. Die Römer haben die Gallier angegriffen. Die Franken haben die Muslime angegriffen. Im Mittelalter hat jeder gegen jeden gekämpft.“ 
„Aber - das ist doch lange her!“, unterbrach ich ungehalten. 
„Nicht so lange. Und ihr macht doch ohne Unterlass weiter damit. Die USA hat den Irak angegriffen, um an Erdöl zu kommen. In eurem Nahen Osten massakrieren sich die Menschen über Generationen hinweg. Warum, haben übrigens auch die Globber nicht begriffen. Russland hat Georgien und die Ukraine angegriffen. Und es gibt noch viel mehr Orte, an denen ihr euch abschlachtet und quält. Aber ich werde diesen Kreislauf durchbrechen. Ich werde eurer Welt den wahren Frieden bringen und gerecht über euch herrschen.“ 
„Nein“, entgegnete ich fest. „Wir bestimmen selbst über unser Schicksal. Wir lieben unsere Freiheit.“ 
„Freiheit.“ Nauros schüttelte lächeln den Kopf. „Was für eine Freiheit soll das sein? Ihr seid allein schon allein deswegen nicht frei, weil ihr atmen müsst, weil ihr essen müsst, weil ihr schlafen müsst. Dazu kommt - ihr müsst kaufen, um zu essen. Ihr müsst kaufen, um sicher schlafen zu können. Ich will euch helfen! Ich werde dafür sorgen, dass ihr genug zu essen habt. Dass ihr sicher schlafen könnt. Dass niemand mehr vor Hunger sterben muss. Was wollt ihr mehr? Die Freiheit, nutzlose Dinge zu kaufen, die euch unterhalten? Die Freiheit, zu verhungern? Die Freiheit, euren Nachbarn zu töten?“
„Aber - uns geht es gut. Wir kommen klar. Wir sind mit unserer Freiheit zufrieden. Wir haben Demokratie. Wir brauchen dich nicht.“ 
„Wir?“ Nauros musterte mich nachdenklich. „Für wen sprichst du? Für dich in Deutschland? Oder für den Bettler in Indien? Den Müllsammler in Ägypten? Den Pirat in Indonesien?“ 
Das verschlug mir für einen Moment die Sprache. Anschließend verlegte ich mich auf wüste Drohungen. „Du kannst uns nicht besiegen. Am Anfang vielleicht. Aber schon bald werden wir uns erheben. Vermutlich wird es etwas dauern. Aber irgendwann werden wir dich stürzen und vernichten. Das kann ich dir versprechen.“ 
Nauros schwieg einen Moment. „Möglich“, gab er schließlich zu. „Was also schlägst du vor? Soll ich euch direkt vernichten? Vielleicht wäre das tatsächlich besser.“ 
„Nein!“, krächzte ich entsetzt. Nicht auszudenken, wenn ich mit meinen Äußerungen die Auslöschung der gesamten Menschheit zu verantworten hatte… Aber es war ja nur ein Traum, wies ich mich zurecht. Nur ein Traum. Und an der Zeit, aufzuwachen. 
Tatsächlich kam in diesem Moment Gorisch angerannt. Er warf sich vor Nauros zu Boden und streckte einen schwarzen Klumpen in die Höhe. 
„Er ist schwarz!“, kreischte er verzweifelt. Und da erkannte ich, dass es sich um den Kristall handelte, den er immer mit sich herumschleppte. 
In diesem Moment begann die Höhle zu vibrieren. Die Rook und die Lugnuz hielten mit dem inne, was sie taten und blickten angsterfüllt um sich. Die Globber gurgelten hektisch in ihrem Think Tank. Und dann fühlte ich mich von einer unsichtbaren Macht gepackt und in die Luft geschleudert, hinaus aus der Höhle in die unendlichen Weiten des Universums, wo ich wieder radikal verlangsamt wurde. Wie ein Staubkorn fühlte ich mich und staunte über die Sterne und Planeten, an denen ich vorbeischwebte. Bis die Erde unter mir auftauchte. Auf einmal schwebte ich nicht mehr, sondern fiel, schneller und schneller und schneller, bis ich schließlich auf die Erde zuraste, auf Deutschland, auf Nürnberg und auf mein Haus zu. Als ich das Dach durchschlug, wurde alles schwarz.
Ich wachte auf. Mein Kopf schmerzte, ich fühlte mich wie zerschlagen. Doch immerhin lag ich auf meinem Teppich im Wohnzimmer und starrte auf die alberne Kristalllampe, die ich für Urzeiten für unser Haus ausgesucht hatte und die Sabine so hässlich fand, dass sie sie mir nach meinem Auszug überlassen hatte. Ich rappelte mich auf. Was war das für ein fürchterlicher Traum gewesen. So schlimm, dass ich vom Sofa gefallen und die Platte vom Glastisch zerbrochen hatte. Gott sei Dank hatte ich mich dabei nicht verletzt. 
Im Fernseher lief noch immer der düstere Fantasy-Film. Es war kurz nach neun Uhr. Das alles musste ich in wenigen Minuten geträumt haben. Kaum vorstellbar. Aber ich war zu müde, um darüber nachzudenken. Ich blickte an mir herunter. Mein Anzug war ziemlich zerknittert. Nun, er musste sowieso in die Reinigung. Ich begab mich ins Schlafzimmer, warf mich aufs Bett und war sofort eingeschlafen. 
Am nächsten Tag wachte ich gegen Mittag auf und hatte höllische Kopfschmerzen. Ich schälte mich endlich aus meinem Anzug, kochte Kaffee und ließ mich mit meinem Tablet-PC auf dem Sofa nieder, um die Schlagzeilen des Tages zu überfliegen.
‚Präsident Gore sichert den Taliban weitere Unterstützung zu‘, lautete die Überschrift. Ich blinzelte. War ich zufällig an den Postillion geraten? Nein, da stand Spiegel Online. Eindeutig. PRÄSIDENT GORE schickt Waffen an die TALIBAN? Ich öffnete den Artikel. Da stand es schwarz auf weiß. 
‚Al Gore, Präsident der USA, hat den afghanischen Taliban weitere Unterstützung gegen das extremistische Pakistan zugesichert. Ziel sei es, die kriegerischen Pakistaner, die vor einigen Wochen die Provinz Kashmir eingenommen haben, zurückzuschlagen.‘
Ich hatte genug gelesen und ließ das Tablet sinken. Offenbar war ich noch immer in einem Traum gefangen. Ich legte mich auf das Sofa und entspannte mich. Tatsächlich döste ich noch einmal ein. Als ich erneut erwachte, fühlte ich mich besser. Ich sprang unter die Dusche, genehmigte mir ein Tiefkühlgericht und wagte mich erneut an mein Tablet. Die Schlagzeilen trafen mich wie ein Gehirnschlag. 
‚Der russische Präsident Abramovitsch droht den USA wegen Taliban-Unterstützung mit Vergeltung‘ 
‚Bundeskanzlerin Merkel lobt bayerischen Ministerpräsidenten Söder für die neue umweltfreundliche Kerosin-Abgabe‘ 
‚Schottische Separatisten am Anschlag auf die Queen für schuldig befunden‘
‚Peter Jackson verfilmt Vampirsaga Das Tor zur Hölle von J. R. R. Tolkien‘
‚Emma Watson heiratet Zombie-Darsteller aus Harry Potter‘

Hier und Jetzt


Das alles ist etwa ein Jahr her. Nach unzähligen Pillen, mehreren psychotherapeutischen Behandlungen und meinem Jobwechsel vom ERP Berater zum Schriftsteller von Fantasy-Romanen zucke ich nicht mehr zusammen, wenn ich im Fernsehen ‚Al Gore dankt den Taliban für ihre Unterstützung‘ oder ‚Abramowitsch droht Merkel mit dem Dritten Weltkrieg‘ höre. 
Ich habe recherchiert. Von den letzten 17 US-Präsidenten stimmen nur 3 mit denen aus meiner - nennen wir es Erinnerung - überein: Bill und Hillary Clinton sowie Calvin Coolidge, der 1923 bis 1929 die Geschicke des Landes steuerte. Ähnlich steht es mit der UdSSR. Die deutschen Bundeskanzler sind nicht betroffen - die bayerischen Ministerpräsidenten aber schon. Putin, Obama und Seehofer sind völlig aus den Geschichtsbüchern getilgt - als hätten sie nie existiert. 
Die Welt ist aber nicht viel friedlicher geworden. Nur die Brennpunkte haben sich verlagert. Es gibt blutige Bürgerkriege in Algerien und Weißrussland, Aufstände in Uruguay und Vietnam und natürlich Krieg zwischen Israel und Palästina. Das Böse aus Hinterwelt ist verschwunden - und hat lediglich mehr Platz für das Böse in uns geschaffen. 
Wenn ich lese, dass eine Hungersnot tausende Menschen in Namibia hinweggerafft hat, frage ich mich, ob Nauros nicht Recht hatte. Was ist das für eine Freiheit, die wir haben und was für ein Frieden, der nur für einen kleinen Teil von uns gilt? Was für eine Demokratie lässt zu, dass die einen immer reicher und die anderen immer ärmer werden? Eins ist sicher - solange dieser Planet von Menschen beherrscht wird, wird sich wohl kaum etwas ändern. Vielleicht brauchen wir doch einen merkwürdigen, finsteren Halbgott aus einer anderen Welt, damit wir endlich aufhören, uns gegenseitig zu massakrieren ... 
Aber pssst - ich muss aufpassen. Der amerikanische Geheimdienst Google liest mit. Und mit seinem Chef Snowden ist nicht zu spaßen. Doch wenn es andere dort draußen gibt, die Bescheid wissen, würde ich mich über ein Zeichen freuen.

Kommentare

  1. Eine tolle Geschichte, humorvoll erzählt..
    Es war kurzweilig und erklärt die Probleme aller User mit einem Schlag :-D

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  2. Eine tolle Geschichte, humorvoll erzählt..
    Es war kurzweilig und erklärt die Probleme aller User mit einem Schlag :-D

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